Interview: Joachim Graf zu Web 2.0 und Web 3.0

von Karsten Windfelder

Joachim Graf und Karsten Windfelder beim Online Marketing Forum in München

Beim Online-Marketing-Forum in München habe ich Joachim Graf getroffen. Er ist Trendforscher im Online-Marketing-Bereich.
Aus dem Vortrag von Joachim Graf zu Web 3.0

Karsten Windfelder: Joachim Graf, Sie haben einen hochinteressanten Vortrag über ihre Prognosen für ein Web 3.0 gehalten. Beschreiben Sie doch bitte kurz ihre Tätigkeit als Trendforscher.

Joachim Graf: Also wir, der HighText Verlag mit unserem Portal ibusiness.de, machen seit 1991 Trendscouting für interaktive Märkte. Das heißt, dass wir Leuten, die in interaktiven Medien wie Internet, E-Learning, interaktives Fernsehen usw. Geld verdienen, sagen wo in drei oder fünf Jahren Märkte sein werden und wo sich neue Sachen entwickeln.

Karsten Windfelder: Was sind jetzt so die wesentlichen Thesen? Wie sehen sie ein verändertes Internet, ein Web 3.0?

Joachim Graf: Web 3.0 ist im Prinzip die konsequente Weiterentwicklung von Web 2.0. Der Kernpunkt von Web 2.0 ist die Rückgabe der Kommunikation an den Nutzer. Web 3.0 ist die Stufe darüber hinaus, was vor allem jetzt im Marketing diskutiert wird. Es geht um usergenerated Content, Social Software, solche Dinge. Web 3.0 ist die Veränderung des gesamten Produktionsablaufes von der Produktentwicklung über die Fertigung bis zu den Pre-Sales, Sales und After-Sales. Bei Web 3.0 wandert dieser ganze Prozess ins Internet.

Karsten Windfelder: Auf dem Weg zu einem echten One-To-One-Marketing sozusagen? Kann man das vergleichen?

Joachim Graf: Ja, One-To-One-Marketing ist ein ganz wichtiger Begriff. Aber es fängt an mit Open Innovation, also Produktentwicklung mit Hilfe der Nutzer im Dialog. In der Beziehung mit meinen Kunden die neuen Produkte entwickeln. Das bedeutet Mass Customization, was heißt, dass man aus einem Standardprodukt ein Individualprodukt macht. Das ist die Entwicklung vom klassischen Shop über Shops wie Spreadshirt hin zu Shops, wo ich mir im Prinzip ein beliebiges Produkt so schneidern kann, so wie ich es haben möchte. Über Eins-zu-Eins-Marketing, über die Frage wie ein ganzen Unternehmen mit dem Kunden kommuniziert, also wie mache ich sämtliche Mitarbeiter in meinem Unternehmen, die meinetwegen im Bereich After Sales sitzen, kommunikationsfähig bis hin zur Evangelisierung: Wie schaffe ich es, dass aus meinen Kunden Botschafter für meine Produkte werden.

Karsten Windfelder: Gibt es Maßnahmen, die ein Webseitenbetreiber heute schon ergreifen kann, um darauf vorbereitet zu sein? Das ist ja eigentlich ein Prozess, der langsam stattfindet.

Joachim Graf: Es gibt natürlich Maßnahmen. Es gibt alles das, was eine Webseite lebendig macht und wo ich in der Lage bin, aus einem Dialog eine Kommunikation zu machen. Wo ich also nicht nur die Ansprache habe, sondern wo ich versuche, dass was den Kunden umtreibt mir mitzuteilen. Entweder über direkte Methoden wie Foren und Blogs, aber auch auf einer Webseite direkt den Weg des Kunden zu verfolgen und ihm entsprechende Dialogmöglichkeiten anzubieten. Das kann zum Beispiel so sein: Jemand kommt auf eine Webseite. Ich tracke mit, was er tut. Das machen die meisten ja jetzt schon. Jetzt stelle ich fest, dass er offensichtlich ein Handy auf dieser Webseite sucht. Ich verkaufe Handys und er hat jetzt irgendwie fünf Geräte gesucht und er weiß immer noch nicht weiter. Jetzt mache ich ihm ein Angebot: Du hast da ein Problem, kann ich dir helfen? Klick auf den Button und dich ruft jemand an. Solche Methoden sind ja heute technisch schon machbar.

Karsten Windfelder: Sie sagen technisch. Es muss also mit einer Software sein und es können nicht Menschen da sitzen, die die ganzen User bearbeiten, die rein kommen?

Joachim Graf: Das hängt vom Produkt ab. Die Beate Uhse AG hat vor einigen Jahren mal so etwas versucht. Die hat ein Callcenter eingesetzt und damals auf jeder Webseite angeboten, dass wenn man ein Problem hatte einfach nur einen Button klicken musste, um an einen Mitarbeiter weitergeleitet zu werden. Die Mitarbeiter dort wurden sogar mit Video zugeschaltet und betreuten dann die Kunden. Halte ich für einen hübschen Ansatz. Man kann es heute, einfach weil die Software auch weiter ist, genauer machen. Nämlich dann, wenn ich eine Software habe, die in der Lage ist das zu tracken. Dann jemanden, entweder in Sales oder im Marketing oder, von mir aus in der Personalabteilung draufzusetzen und zu sagen, hier hast du ein Problem. Soll dich jemand anrufen?

Karsten Windfelder: Haben sie eben „Video“ gesagt bei Beate Uhse? Das stelle ich mir sehr lustig vor.

Joachim Graf: Das war so. Das war ein kleines Video. Das waren ganz normale Callcenter-Mitarbeiter, die wurden eingeblendet. Damals alle fünf Sekunden ein Bild von einer Webcam, damit ich auch sah das sich wirklich ein Mitarbeiter und keine Maschine um mich kümmert. Ganz spannender Ansatz. Also gerade in dieser Erotikbranche. Da sollte man sowieso immer drauf achten, weil die ja, gerade was die Technik angeht, immer zwei bis drei Jahre voraus sind im Vergleich zum gesamten Internet.

Karsten Windfelder: Haben sie den Affiliate Marketing-Markt mal beobachtet? Wie wird er sich in Deutschland entwickeln?

Joachim Graf: Ich denke, dass der Affiliate-Markt in den nächsten Jahren auch noch weiter wachsen wird. Ich befürchte allerdings, dass der nicht reichen wird, weil es beim Affiliate Marketing einen gewissen Grenznutzen gibt. Das heißt, dass wenn Sie auf jeder Webseite irgendwie 2.000 Buttons haben, die Sie dann freundlich anblinken, dann wird der Nutzer das irgendwann ausblenden. Das Affiliate Marketing muss langfristig auch intelligenter werden. Das halte ich für ganz wichtig und ich glaube auch, dass der Trend Abverkauf oder Branding um den dritten entscheidenden Bereich „Beziehungsmarketing“ ergänzt wird. Ich schaue, was will eigentlich ein Nutzer und was biete ich ihm eigentlich an. Das Thema „langfristige Kundenbeziehungen aufbauen“ kommt mir beim Affiliate Marketing noch ein wenig zu kurz und da müssen sich auch Leute, die solche Affiliate-Marketing-Programme anbieten, überlegen, in welche Richtung die Reise geht.

Karsten Windfelder: Auf jeden Fall also statt Banner- besser Textwerbung und statt Textwerbung eingebettete Werbung in echte Inhalte, die dem Nutzer etwas bringen.

Joachim Graf: Richtig. Also ich vermute, dass Affiliate Marketing langfristig immer nutzwertiger wird. Ich will ja kein Produkt kaufen, sondern eine Lösung für mein Problem. Jeder Kunde will eine Lösung für ein Problem. Das heißt, wenn ich in der Lage eine Lösung anzubieten, wie auch immer die aussieht, dann baue ich eine Beziehung zu diesem Kunden auf. Beim Affiliate Marketing müssen ja immer zwei Leute glücklich werden. Einmal der, der das Affiliate Programm macht und die Webseite, die es anbietet. Mein Problem ist es, dass je spezifischer die Angebote werden, umso spezifischer müssen auch die Webangebote sein und da ist halt die Frage, ob die Affiliates langfristig noch genug profitieren, damit sie weiter glücklich mit den Affiliate Programmen sind. Da habe ich so meine leisen Zweifel. Also für die Leute, die sozusagen in der Branche stecken ist es immer okay. Das heißt, wenn ich drei Prozent pro Sale zahle, dann ist es mir völlig egal, was sich da tut. Auf der anderen Seite gucke ich natürlich sehr genau darauf, was ist eigentlich mein TKP. Egal wie man die Kiste hinten nennt, also ob das per Klick, per Order oder was auch immer ist. Das wird eher schwieriger und je spezifischer oder besser die Webseiten sind, umso schwieriger wird auch dieses Affiliate Geschäft. Und da hab ich auch noch nicht so die wirkliche Lösung, aber das muss man langfristig beobachten.

Karsten Windfelder: Sehr interessant. Vielen Dank für das Gespräch.

Audio-Version des Interviews auf Affiliate-Radio.de…

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